Wohlwollendes Weinen

„Wann hast du das letzte Mal geweint?“

Bei einem Abendessen mit Bekannten kam plötzlich diese Frage auf. Reihum beantworteten wir diese. Bei manchen war es Monate her, bei anderen einen Tag.

Bei mir ist es nie lange her, mein letztes Weinen.

Gestern habe ich geweint, weil ich wütend war, zum Beispiel. Weil etwas so ganz anders war, als ich mir das vorgestellt habe und mich diese Ohnmacht einfach wütend und auch traurig gemacht hat.

Ein paar Tage davor hat mich der große, gewaltsame, grausame Teil der Welt eingeholt. Mich verfolgt, bis ich plötzlich nicht mehr anders konnte, als endlich zu weinen.

Die Tage habe ich auch mal geweint, weil Gastón die Gitarre geschnappt und ein Lied gesungen hat, das gar nicht besser auf uns zugeschnitten sein hätte können. Da weinte ich vor Freude, vor Überwältigung und vor so viel Liebe und Dankbarkeit.

Am selben Tag davor habe ich die Welt nicht mehr verstanden, nicht die große, nicht die kleine in mir. Und das hat mich so sehr zum Weinen gebracht. Da gab es nicht den einen Grund, den einen Auslöser.

Weinen konnte ich schon immer. Und ich hab es auch schon immer gemocht. Ich finde Weinen gut und befreiend und wichtig und kann das Weinen von anderen auch ganz gut aushalten (ohne abzulenken, ich wein halt dann einfach oft mit).

Und doch hab ich mir alles, was mit diesem Weinen kommt, erst über die letzten Jahre angeeignet. Denn mit dem Weinen kommt das Anerkennen, dass etwas nicht gut ist. Mit dem Weinen kommt Wut, mit dem Weinen kommen Gefühle, die nicht positiviert werden können, wollen oder sollen. Mit dem Weinen kommt eine große Ladung an großen Emotionen, die durch das Weinen einen Ausdruck finden können.

Dass ich alles positiv sehe, mich auf das Schöne konzentrieren und das Beste aus allem machen muss, sind für mich keine Anhaltspunkte mehr. Sie sind eher Irreführungswegweiser, die nebelumhangen auf weiter Flur stehen – so isoliert vom wirklichen Leben kommen mir diese „Vorschläge“ vor. Denn sie erlauben mir nicht, alles zu fühlen, was ich fühle. Sie suggerieren mir, dass ich selbst alleine alleine alleine für alles, was mir passiert, zuständig und verantwortlich bin. Und das stimmt halt einfach so nicht.

Diese Aussagen erkennen mich nicht voll an, lenken ab und sind als gut gemeinte Ratschläge genau das Gegenteil davon, was ich (und vielleicht nicht nur ich?) in diesen Momenten brauche.

Dass ich weiß, dass es gut ist, wie es ist, steht gleichzeitig neben diesem Weinen, neben diesen großen Emotionen, neben diesem Anerkennen und Suhlen im Selbstmitgefühl. Und diesem Zulassen all meiner Gefühle wohnt so viel Selbstfürsorge und Selbstakzeptanz und Positivismus und Optimismus und Realismus und ach, eben so vieles inne. So vieles, das mit keiner phrasengedreschten kalenderspruchkalkulierten Wohlwollenswelle ausgedrückt werden kann.

Auf die Aussage, dass ich doch sehen soll, was trotz alledem (Schlechten, Negativen, Weinen, die Liste ist lang) Gutes passieren kann, kann ich nun also entschieden antworten: Jetzt in diesem Moment möchte ich wütend/traurig/überwältigt/unausgeglichen/enttäuscht sein. Was ich später sehen kann, werde ich später sehen.

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