Wahre Wahrheiten

Warum ich das nicht als Wahrheit titulieren kann, fragt sie mich. Warum ich mir so schwertue, hier klar zu sein und es als Wahrheit zu benennen, schiebt sie nach. Ich stammle etwas davon, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt und dass es doch immer auch auf die Perspektive ankommt und dass Wahrheiten vielleicht im mathematischen Sinne gegeben sein können, aber doch nicht im weltanschaulichen.

Und seither frage ich mich, was ich darauf antworten könnte, wenn mich wieder jemand nach der Wahrheit fragt. Was es ist, womit ich voller Klarheit und guten Bauchgefühls reagieren kann auf so eine Frage.

Dass es die eine Wahrheit doch nicht geben kann, denke ich mir. Dass es zu jeder Theorie, zu jedem Gedanken irgendwo und irgendwie eine Schrift, eine Meinung, einen Gedanken geben kann, der all das untermalt – oder der all dem widerspricht.

Dass die eine Wahrheit doch immer nur von einem Personenkreis auf einem Teil der Erde und in ein paar (mehr oder weniger) Köpfen stattfindet. Und in anderen Personenkreisen, anderen Teilen der Welt und anderen Köpfen wieder anders aussieht.

Als ich das eingangs erwähnte Gespräch einer Freundin, die – nicht ganz nebensächlich in diesem Kontext – Philosophie im Master studiert, erzähle, lacht sie nur: Das, was Philosoph*innen seit Jahrtausenden zu beantworten oder bewusst zu umgehen versuchen, sollte ich mal eben schnell „richtig“ beantworten.

Wenn ich „Wahrheit“ im Internet suche, kommen verschiedenste philosophische und weltanschauliche Strömungen zum Vorschein, die alle ihre eigene Definition davon haben zu scheinen. Da steht etwas von relativer und absoluter Wahrheit, von Übereinstimmungen vom Wissen und vom Seienden, von Tatbeständen und Erkenntnissen. Ich denke auch an das Gegenteil von Lüge, an wissenschaftliche Allwissenheit (?), an einen Teil der Wahrheit und ob Wahrheit nicht ganz sein müsste und wie Bruchteile davon ihre Ganzheit abbilden können?

Was also die Wahrheit ist – eine, an der wir uns festhalten können und die durch nichts erschüttert wird (das ist doch eine ihrer Eigenschaften, oder etwa nicht?) – kann ich auch nach diesen gedankenreichen Tagen nicht sagen.

Falls ich sie mal habe, lasse ich sie euch zukommen. Bis dahin werde ich weiter an Wahrheiten festhalten, der Mehrzahl, der Pluralität, dem -n am Schluss, das anderem auch Platz gewährt.

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