Von Liedern und Frauenhass

Es gibt so Lieder, die transportieren in eine bestimmte Zeit. In ein Gefühl, in einen Zustand. Bei mir gibt es zu jeder längeren Reise, jeder besonderen Zeit in meinem Leben mindestens ein Lied.

Manche davon habe ich schon fast vergessen, doch wenn ich sie zufällig höre, reise ich in einer Sekunde 5, 10 oder gar 15 Jahre in die Vergangenheit. Ein schönes Gefühl.

Bei einem Lied funktioniert das sogar so sehr, dass ich nicht nur das Gefühl dieser Zeit (in meinem Fall die Schwedenzeit) spüre, sondern mein so geliebtes Frühstück dort direkt schmecke! (Knäckebrot mit der absolut besten Himbeermarmelade, falls ihr euch fragt). Unglaublich!

Eines der Lieder hatte ich schon vergessen, hätte mich ein Freund aus genau dieser Zeit nicht daran erinnert. Bei diesem Lied müsse er immer an mich denken, hat er gemeint. Oh, dieses Lied! Immer habe ich es gesungen! Immer habe ich es in den Ohren und im Herzen getragen!

Also habe ich das Lied laut aufgedreht und es mir zu Gemüte geführt. Der erste Klang, die Melodie – ein Ticket in die Vergangenheit! Der Text sitzt auch noch, nach Jahren.

Doch.

Da ist etwas, das sich plötzlich in mir sträubt. Der Text, den die Sängerin singt, ist sehr weit weg von dem, was ich heute empfinde. Damals war es meine Hymne und heute? Eher befremdlich. Komisch. Naserümpfend und kopfschüttelnd.

Im Lied geht es um eine unerfüllte Liebe. Darum, dass der Besungene eine andere Freundin hat und die Verliebte sich aber schon eine so schöne Zukunft mit ihm ausgemalt hätte. Bis hierhin noch nicht weiter problematisch – würde sie nicht in abwertendestem Tone über die neue Freundin sprechen, sie beschimpfen und zudem damit drohen, sie umzubringen. All das verpackt in englisches Gesäusle mit französisch gehauchtem Akzent. Für mich klang es in dieser Zeit gut, auch den Text konnte ich nachempfinden, irgendwie. Nicht buchstäblich, versteht sich.

Doch gestern, als ich das Lied etwas bewusster gehört habe, ist mir aufgefallen, wie feindlich es ist. Wie sehr ich diese Glaubenssätze früher verinnerlicht hatte, dass wir Frauen nur gegeneinander existieren. Dass wir uns immer aneinander messen mussten, uns vergleichen und irgendwie zumindest nicht so sein sollten, wie „die anderen“. Mein internalisierter Frauenhass (und ja, das tut weh, es so zu schreiben) war mein täglicher Begleiter. Und das nicht einmal bewusst. Er war mein Leuchtturm und meine Rechtfertigung. Er war mein Ticket in den unendlichen Humor gegen Frauen und er war mein Ass im Ärmel bei so manchen Begegnungen. So zumindest mein Gefühl.

Diese verinnerlichte Frauenfeindlichkeit hatte keinen direkten Ursprung – ich hatte immer schon viele weibliche Vorbilder, tolle Frauen in meinem Leben. Hatte die liebsten Freundinnen und emanzipierte Frauen in der Familie.

Und trotzdem habe ich erst vor Kurzem (als erwachsene (!) Frau) gelernt, dass wir nicht hier sind, um gegeneinander anzutreten oder uns gegenseitig schlechter zu machen. „Bildet Banden“ war ein neues Konzept für mich und meine fast schon beiläufige Frauenfeindlichkeit eine schmerzhafte Erkenntnis, die ich mir selbst Stück für Stück eingestehen musste und immer noch muss.

Und auch, wenn nicht alles immer zerdacht werden muss, so ist es doch wichtig, meine eigenen „Überzeugungen“ zu hinterfragen. Zu schauen, woher sie kommen und zu erkennen, dass diese Strukturen sehr gefährlich sind.

Denn wir sitzen alle im selben Boot. Und wenn wir dieses Boot (gegen patriarchale Strukturen) nicht gemeinsam lenken, schauts schlecht aus für uns. Und zwar für uns alle.

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