Lebendiger Tod

Es ist die Zeit, ja sogar genau der Tag, an dem sich die Welten begegnen. Die Welt der Lebendigen und die Welt der Toten. Wir begegnen uns auf unterschiedliche Weise, haben Bräuche und Rituale, gedenken ihrer und verkleiden uns vielleicht sogar als sie.

Die Welten begegnen sich und vermischen sich, in kleinen Stücken. Die Nacht wird erhellt durch Feuer und Feiern, der Tag hat etwas Dunkles und gleichzeitig strahlend Helles.

Es ist die Zeit, in der der Tod irgendwie unter uns wohnt. Ohne seinen Schrecken, ohne seine Macht. Er ist Teil unserer Tage, in irgendeiner Form. Es ist diese magische Zeit, es sind diese zwei, drei Tage, die dem Tod und dem Leben ebenbürtig gewidmet sind.

Für mich waren diese Tage bereits als Kind außergewöhnlich. Eine Ruhe erfüllte mich, während der Nebel mich umhüllte. Die Menschen, die bereits gestorben waren, waren an diesen Tagen irgendwie näher. Fast so, als würde man sie einladen, als würde man mit ihren Geistern (oder Seelen oder woran man auch glauben mag) in diesen wenigen Stunden des Jahres feiern wollen – und das auch können.

Und immer noch berührt mich die feine Beschaffenheit dieser Zeit. Auch, wenn ich mittlerweile anders feiere, anders gedenke und anders bin, das Empfinden in diesen Tagen bleibt gleich: ruhig, umgeben von Leben und Tod und mit einem tiefen Gefühl der Verbundenheit.

Ich mag es, über Gefühle nachzudenken, die so tief in mir wohnen. Oftmals haben diese Gefühle ihren Ursprung in Ritualen oder lange bekannten Abläufen und wiederkehrenden Festlichkeiten. Und so sitze ich heute hier, komme von einem herbstlich gefärbten, vernebelten Spaziergang zurück und finde, dass der Herbst hier all das beinhaltet, was ich in dieser Zeit so stark spüre – den Anfang und das Ende.

Lebendiger Tod. So würde ich diese Stimmung in Worten festhalten.

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Ich merke beim Tippen dieser Zeilen, dass ich bereits einmal (vor langer Zeit!) einen Reisetext über die Lebenden und die Toten geschrieben habe, wer ein bisschen reisen möchte, hier ist der Link: Von den Lebenden und den Toten

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