Jenseits von gut und schlecht

Unlängst war ich bei einer Filmpräsentation über einen argentinischen Künstler. Ich kannte diesen vorher nicht, wusste wenig über ihn, doch war besonders an einer Tatsache interessiert: Die Enkelin des Künstlers würde uns den Film zeigen und danach Fragen beantworten und mit uns ins Gespräch kommen.

Was mich daran so interessierte: Wie war es wohl, einen (berühmten) Künstler als Großvater gehabt zu haben? Was war es, das sie erzählen würde und welche Rolle nahm sie in diesem Familienkonstrukt ein? War auch sie eine Künstlerin, wie hatte sie ihren Opa in Erinnerung? Und welche Auswirkungen hatte seine Profession (und damit wohl mehr als nur sein Beruf) auf ihr Leben und das ihrer Familie?

Der Film berührte mich auf unterschiedlichste Weise. Einen relativ alten Mann zu beobachten, wie er schelmisch in die Kamera grinst und das, was mit seiner Kunst passiert und passierte, humorvoll zu kommentieren, schien mir sehr erfrischend. Diesen Mann und seine Werke und Worte zu sehen und zu hören, löste in mir unterschiedlichste Gedanken und Gefühle aus.

Im Gespräch danach aber fiel ein Satz, der mich seither nicht mehr loslässt: Die Enkelin (u.a. auch Künstlerin) meinte, dass sie ohne die Klassifikationen von „gut“ und „schlecht“ aufgewachsen sei. Was ihr von ihrem Großvater (und wohl auch von ihren Eltern) mitgegeben wurde, war die ständige Neugierde und die Experimentierfreude an und mit allem. Es gab schlichtweg keine Einteilung von „das ist gut“ oder „das ist schlecht“.

Und seitdem frage ich mich, wie dieser Gedanke, ja dieses Konzept!, weitergedacht werden könnte. Wie eine Gesellschaft (oder machen wir es einfacher: ein Gespräch!) aussehen würde, in der es nicht um „gut“ und „schlecht“ geht.

Wenn ich diese Konzepte als Bilder denke, haben diese zwei Seiten gegensätzliche Farben. Doch was wäre, wenn diese Farben nicht gegensätzlich, sondern immer miteinander vermischt gedacht werden würden? Was wäre, wenn wir viel mehr beschreibend, statt einteilend, klassifizierend, urteilend denken und dementsprechend handeln würden?

Doch bereits diese rhetorische Frage widerspricht dem Konzept – denn natürlich habe ich hier Präferenzen und schreibe in einer Art und Weise, die „gut“ und „schlecht“ suggeriert.

Ich versuche es also noch einmal, gar nicht so leicht, außerhalb dieser starren Kategorien zu denken!

Was müsste passieren, um die Qualität von etwas als das dastehen zu lassen, das es ist? Hm. Zu individuell? Wäre es sogar gefährlich? Oder gar unmöglich? Hätten wir als Menschheit überlebt, wenn wir alles mit Neugierde alleine betrachtet hätten? Geht es überhaupt, die Dinge, die wir eingelernt haben, zu entlernen, um sie neu zu denken? Und meint dieses Neudenken nicht auch ein neues Kategorisieren?

Was, wenn wir die Kategorien auflockern? Wenn es nicht mehr „gut“ und „schlecht“ gibt, sondern eine neutrale, beschreibende, wahrnehmbare Welt sich dazwischen aufmacht?

Ich musste gerade „Liste neutraler Adjektive“ googeln, weil es mir daran ehrlich gesagt fehlt, doch auch darin lassen sich die meisten Begriffe einer Färbung, einer Qualität, einer Richtung zuteilen – eher gut, eher schlecht.

Also. Jenseits von „gut“ und „schlecht“ zu denken, wäre das etwas, das uns helfen könnte (ergo etwas „Gutes“? aaah, die Katze beißt sich selbst in den Schwanz!)?

Ich schaffe es nicht, daraus auszubrechen. Und muss ich das überhaupt? Wäre spannend, wie die oben beschriebene Frau ihr Leben sieht.

Jedenfalls. Glaube ich ja, dass es durch das Auflösen dieser starren Grenzen (die ja teilweise gesellschaftlich geprägt, teilweise individuell, teilweise wohl menschlich veranlagt sind (? ist das so?)), etwas mehr Raum für uns alle geben würde. Etwas mehr Raum für Gespräche und Zuhören. Für Vielfalt und Verspieltheit.

Tja. Und auch das, meine Lieben, ist wieder eine astreine Einteilung in „gut“ und „schlecht“.

Probiert mal aus, außerhalb dieser doch sehr engen Kästchen zu denken – das Wort „interessant“ macht da mal den Anfang. Und zwar ein neutrales Interessant, ohne die lustige Färbung von „hm, komisch, irgendwie auch nicht ganz normal, aber mei, was solls, sag ich eben dieses Wort“.

Die Frage bleibt, was uns diese Einteilung bringt, warum sie sich doch so durchgesetzt hat und was passiert, wenn wir an ihre Auflösung nur denken würden.

Doch vielleicht ist es ja wirklich so, dass irgendwo jenseits von gut und schlecht dieser Ort liegt, an dem wir uns begegnen können…

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