Fruchtig gedichtet

Manchmal, da arbeite ich mit Kindern. Und jedes Mal, wenn ich das mache, weiß ich, warum.

Ich liebe diesen Moment, in dem das vermeintliche Coolsein, das Ausprobieren, das Grenzentesten zu kindlicher und vollkommener Begeisterung umschlägt.

Vor Kurzem hatte ich wieder so eine Situation. Als kreative Schreibidee gab ich diesem Kind den Auftrag, ein Gedicht zu schreiben. Allerdings handelte es sich dabei nicht um irgendein Gedicht, sondern um ein Liebesgedicht an die Lieblingsfrucht.

Die Begeisterung hielt sich anfänglich in Grenzen. Doch nach einer kurzen Aufwärmphase, in der wir das Aussehen, den Geschmack und Geruch sowie die Besonderheiten dieser Frucht gemeinsam herausgearbeitet hatten, begann es gleich zu sprudeln.

Das Kind schrieb höchst konzentriert an seinem Gedicht. Immer wieder hörte ich es das Wort flüstern, das es gerade zu Papier bringen wollte. Immer wieder schaute es auf, seine Augen waren nachdenklich und immer wieder schaffte es das Zurück zum Gedicht.

Auch ich schrieb in der Zwischenzeit ein Gedicht, schließlich wollte ich mir diese Übung nicht entgehen lassen und zudem kannte ich das Kind: Wenn ich selbst an etwas arbeitete, war die Motivation groß, dasselbe zu tun. Zudem war es unser Deal, dass wir uns das Geschriebene gegenseitig vorstellen würden.

Ich hatte „geplant“, dass dieser Schreibanlass dazu führen würde, sich mal anders mit der Sprache auseinanderzusetzen. Hatte im Sinn, dass das Spielen mit Sprache als etwas Schönes wahrgenommen werden könnte. Ja, ich hatte auch daran gedacht, dass das eigenständige Schreiben an etwas die Motivation für das Schreiben an sich steigern könnte.

Doch was hier passiert war, übertraf meine Erwartungen. Einige Zeit später waren die Texte fertiggestellt. Und bevor wir sie uns vorlasen, hörte ich diesen jungen Menschen kommentieren: „So etwas Schönes habe ich noch nie geschrieben. Das kann ich selbst nicht glauben, so schön ist es.“

Danach sprachen wir darüber, wie „man“ denn so ein Gedicht schreiben könnte und was es dazu brauchte. Die Zusammenfassung war so einfach wie herzerfüllend: „Wenn man die Lieblingsfrucht so ganz stark in seinem Kopf hat und fest daran denkt, dann kann man ein Gedicht darüber schreiben.“ Auf die Frage, ob das mit anderen Dingen auch möglich sei, kam nach kurzem Überlegen ein klares Ja.

Dass diese kleine und unkomplizierte Übung die Selbstwirksamkeit dieses Kindes bestätigen würde und das Bewusstsein schärfen würde, dass mit Sprache etwas Neues, nicht Dagewesenes erschaffen werden kann, war ein wahrlich schöner Nebeneffekt für uns beide. Diese Metaebene, die dieses Kind während des Kreierens und danach eingenommen hatte, war beeindruckend.

Jedenfalls.

Wir haben uns die Gedichte dann gegenseitig vorgetragen und ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass man so liebevoll über eine Wassermelone schreiben kann.

Wieder was gelernt, diesmal beim fruchtigen Dichten.

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