Beschreibend beschrieben

Wenn ich schreibe, weiß ich oft noch nicht, was der nächste Satz mit sich bringen wird. Wie eine Entdeckungsreise, die mein Kopf zwar kennt und meine Hände ausführen, aber mein Verstand erst später begreifen wird.

Wenn ich schreibe, gibt es Passagen, die ich danach nicht mehr zuordnen kann. Zwar verstehe ich das Gesagte und Geschriebene, kann mir aber nicht mehr herleiten, wie es dazu kam. Als würde das Schreiben Türen in mir öffnen, deren Existenz ich nicht einmal bedacht habe.

Wenn ich schreibe, überrasche ich mich selbst. Die Worte sind wie Wortfetzen, wie Puzzleteile, wie Mosaiksteinchen in meinem Kopf, und manchmal, da baue ich rundherum eine Welt auf, die es vorher nicht gab und danach nicht mehr geben wird. Es überrascht mich selbst – oder: Ich überrasche mich selbst mit dem, was ich geschrieben habe.

Wenn ich schreibe, spiele ich mit den Buchstaben, jongliere mit den Worten und lass meine Gedanken Räder schlagen. Ich dehne Bedeutungen und Schreibweisen, strecke Inhalte und prelle den Gedankenball an nicht vorhandenen Wänden ab, um beim Fangen zu erkennen, dass manche Wortspielereien nicht funktionieren.

Wenn ich schreibe, tippe ich schnell. Oft schneller, als ich schreiben kann. Dann passieren Schreibfehler, denen ich nicht viel Bedeutung beimesse. Dann kommen Gedanken zum Vorschein, die ich vorher nicht bewusst hatte. Dann erdenke ich mir den Sinnzusammenhang und manchmal denke ich mir auch gar nicht viel dabei.

Wenn ich schreibe, beginne ich Sätze oft mit den gleichen Worten. Denn wenn ich wenn ich schreibe schreibe, dann findet mein inneres Kind das sehr lustig und meinem Kopf helfen die Strukturen, um weiterzudenken. Das fühlt sich dann an, wie das Ausfüllen eines Fragebogens, dessen Antworten nur richtig sein können.

Wenn ich schreibe, habe ich oft eine Idee, die ich auszudrücken versuche. Wie einen Kern, um den es viele Schichten zu legen gilt. Den ich behutsam in Tücher lege, die Muster und Farben annehmen und aus denen Formen werden, die ich vorher noch nicht zu begreifen imstande war. Oder ich muss den Kern freilegen und ziehe an den besagten Schichten, rüttle an ihnen und zerrüttle sie dann, bis nur noch der Wesenskern übrig bleibt.

Wenn ich schreibe – und das mache ich jeden Tag – dann lächle ich dabei, bin erstaunt, bin erzürnt, bin erleichtert, bin erschöpft, bin erkennend und bin er, sie, es. Bin außer mir und ganz bei mir, bin in Gedanken in der Vergangenheit, im Moment, in der Zukunft und kann auch alles zurücknehmen, indem ich die Löschtaste drücke.

Wenn ich schreibe, dann nehme ich oft eine Metaebene ein. Sitze zwar in mir, aber denke außer mir und über mich und die Welt. Bewege meine Finger über die Tastatur und wenn ein Wort nicht herauskommen will, forme ich kleine Gesten mit meinen Händen. Als würde die Form, die ich dem Wort gebe, die Geburt dessen erleichtern. Und das tut sie wirklich. Wenn ich einen Satz beginne, dessen weiteren Verlauf ich noch nicht kenne, formt mein Körper die Bedeutung der kommenden Worte ohne große Mühe. Dann kann mein Kopf diese übersetzen und meine Finger sie tippen.

Wenn ich schreibe, liebe ich das. Ich liebe die Überraschung und den Plan. Liebe die Unförmigkeit mancher Worte in dieser Sprache, liebe den Klang der immer wiederkehrenden harten Konsonanten und liebe die Erkenntnisse, die damit einhergehen. Kon-sonant. Mit-klingen. Mit-laut.

Wenn ich geschrieben habe, bin ich milde mit mir. Denn was ich geschrieben habe, kommt aus mir. Was ich geschrieben habe, hat nun seinen Raum bekommen. Was ich geschrieben habe, ist nun beschrieben.

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